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Gebärdensprache

 

Ich machte meine ersten Schritte als Gebärdendolmetscher  Anfang der 70Ger Jahre, als noch der Großteil meiner Klienten in einer eigenen Sprache kommunizierten. Erst später wurde die DGS, wie sie abgekürzt heißt, eine anerkannte Sprache mit vielen Zeichen und einem Gebärdenalphabet.

Als Gebärdendolmetscher habe ich überwiegend mit älteren Gehörlosen zu tun. Ihre Gebärdensprache ist eine mehr oder weniger angeeignete eigene Sprache, wenn sie sich nicht in der Deutschen Gebärdensprache nachträglich ausgebildet haben. Während der Nazi Zeit durften Gehörlose nicht mit den Händen agieren. Sie mussten von den Lippen ablesen. Heimlich bildeten sie ihre eigenen Zeichen aus, um sich schnell verständlich zu machen.

 

Wilhelmine gehörte seit Ende der 80Ger Jahre zu meinen Klienten. Sie musste vom Mund ablesen und wir zwei hatten unsere eigene Zeichensprache. Die Verbindung zwischen uns beiden, schmolz  sehr eng zusammen. Sie bezeichnete mich als ihre Nichte und ich nahm es so hin. Die wöchentlichen Arzttermine waren das Highlight der Woche, wir hatten viel Spaß besonders auf der Hinfahrt. An der Autobahnzufahrt mussten wir rechts in die Stadt fahren. Wimmi meinte das stets....was wäre wenn wir jetzt weiter fahren und dann lachten wir beide und malten den Tag aus..

Ihre letzten Tage verbrachten wir mit der Planung  des danach. Eines Tages kamen wir auch zu dem Punkt,  an dem ich sie bat, sich bei mir zu melden, nachdem sie gegen ist. Sie lachte und sagte, 'ach was, da kommt nichts'. Ich beharrte auf ein, 'doch du wirst sehen'  und sie nickte und willigte ein, wahrscheinlich auch um die Unterhaltung zu beenden.

Dann kam die Nacht in der Wilhelmine über den Regenbogen ging. Das Krankenhaus rief mich an und ich begann alle Vorkehrungen für die Beerdigung zu erledigen.

Während dieser Zeit dachte ich nicht mehr an das Versprechen, das ich Wilhelmine abgenommen hatte. Umso mehr freute ich mich, als ich eines Nachts an meiner Bettkante sitzend mich fragte 'war das nun echt oder ein Traum'. Ich war verwirrt. Mein Empfinden war so echt, dass ich mich erst einmal sammeln musste. Was war passiert?

 

Ich befand mich in einer Umgebung, die sehr laut war. Jemand wollte mir etwas sagen, aber ich zeigte ihm, dass ich nichts hören konnte. Dann fand ich mich in einer sehr hellen Umgebung. Mir gegenüber stand eine ältere Frau, sie war mir so vertraut und doch meinte ich, sie nicht zu kennen. Ich zeigte auch ihr, dass ich sie nicht verstehen konnte, doch sie nahm ihre Finger und zeigte mir lachend, ich solle den Mund öffnen. Dann fing sie an, auf meinen Zähnen zu schreiben... wie auf einer Schreibmaschine. Je mehr sie schrieb, umso mehr wusste ich, wer sie war und wir beide lachten so wie Wimmi und ich gelacht hatten auf dem Weg zum Arzttermin.

 

Seid mir wohl gesonnen Eure Evelyn Sjövall

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